Hier findet ihr meinen Beitrag zum Zündfunk Netzkongress (11. Oktober 2014) in München.
Die Trennung der Welt in eine analoge und
eine digitale ist überholt. Eine solche Trennung geht an den sozialen
Realitäten vorbei. Soziale Interaktionen und Verknüpfungen geschehen im großen
Maß online und auch politischer Aktivismus findet im 21. Jahrhundert neben den
herkömmlichen Orten – in Parlamenten, auf der Straße, in Kunst und Kultur –
eben auch im Netz statt. Die großen Freiheiten, die mit Onlineaktivismus
einhergehen, liegen auf der Hand: freie Meinungsäußerung ohne Zensur.
Das Internet als körperfreier Raum
Zu Beginn des Internetzeitalters wurde das Netz als revolutionäre Chance
zur Überwindung von Körperlichkeit und des Körpers an sich begriffen. Die Idee,
einen entkörperlichten Raum zu generieren, war die Basis für die Utopie einer
(Online)Welt, in der Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Krankheiten etc. keine Rolle
mehr spielen würden: endlich wären alle gleich. Dies scheint im Rückblick eher
naiv als utopisch – eben zu schön um wahr zu sein. Dadurch, dass nicht auf den
ersten Blick erkennbar ist, ob hinter einem Alias-Namen oder einem Pseudonym
ein älterer Mann oder eine junge schwarze Frau steht, sahen viele
Netzpionier*innen die Chance, dass durch Online-Welten ein (potentiell)
immaterieller Widerstandsraum für gesellschaftlich marginalisierte Gruppen
geschaffen werden könnte. Die Vorstellung, dass durch das Internet ein Raum
entstehen könnte, in dem sich Identitäten freier ausdrücken und sich
(politische) Widerstände leichter entfalten und so Gegenöffentlichkeiten zum
Mainstream geschafft werden können, war radikal neu.
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"Das werde ich ja wohl noch sagen dürfen!" lautete der Titel meines Vortrags. |
Feministischer und queerer Online-Aktivismus
Die so entstandenen neuen politischen Öffentlichkeiten haben sich im Laufe
der Zeit zu sozialen Bewegungen subsummiert beziehungsweise diese verstärkt. So
ist beispielsweise antirassistischer oder auch queerer Aktivismus als soziale
Bewegung mittlerweile zu einer ernstzunehmenden politischen Gegenöffentlichkeit
angewachsen, stößt immer mehr in den Mainstream vor und versucht so
gesellschaftliche Veränderungen auszulösen. Dies wurde durch verschiedenste
Aktionen, Kampagnen und so genannte „Medienphänomene“ der letzten Jahre
deutlich. Zu nennen sind hier #aufschrei (Alltagssexismus), #schauhin
(Alltagsrassismus), #wiesmarties (Pille danach), Pinkstinks-Kampagnen oder
#ichkaufdasnicht (gegenderte Werbung).
Die Bedeutung des Online-Aktivismus für marginalisierte, nicht im (medialen)
Mainstream verankerten Positionen darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass
die Onlinewelt mitnichten eine entkörperlichte, genderneutrale oder gar
diskriminierungsfreie Sphäre ist – wie es sich viele Netz-Pionier*innen anfangs
erhofft hatten. So setzen sich insbesondere rassistische, sexistische und
misogyne Strukturen auch im Netz fort.
Silencing und Hass-Kampagnen
Besonders brisant und leider auch überaus „wirksam“ wird das „Silencing“, wenn
mit Hass-Kampagnen gearbeitet wird. Das so genannte „Silencing“ meint das
„Stumm-Machen“ von unliebsamen Meinungen und Diskussionsbeiträgen. Diese
Kampagnen beinhalten beispielsweise: Trollen und Derailen von Diskussionen,
Shitstorms, Hass-Kommentare, Hacker-Angriffe, Drohungen und Beleidigungen.
Hassreden (engl. Hate Speech) treffen häufig Menschen, die ihr Anliegen
öffentlich mit persönlichen Geschichten und Erfahrungsberichten verbinden. Die
Verknüpfung von Antidiskriminierungsarbeit und politischem Anliegen mit der
eigenen Person ist gerade in der Blogosphäre häufig zu beobachten und
verschafft den Blogerinnen und Bloggern hohe Authenzität. Zugleich wird jedoch
eine greifbare Angriffsfläche geboten. Mit Drohungen, (verbalen) Angriffen und
Beleidigungen von Seiten der Gegnerschaft wird auf sich äußernde Personen eingewirkt.
Und dies ist umso wirksamer, wenn auf persönlicher Ebene gehasst wird.
Hass-Kampagnen sind im deutschsprachigen Netz besonders heftig bei
feministischen Themen (Quoten, Frauenförderung, Gender Mainstreaming,
Geschlechterforschung etc.), „Vielfalts“-Themen (Antirassismus, Critical
Whiteness, Asyl-, Flüchtlings-, Migrationspolitik etc.) und bei „queeren
Themen“ (Hass gegen Inter*-, Trans*-Personen und Homosexuelle) zu beobachten.
Hass-Kampagnen treffen Politiker*innen, Blogger*innen – allgemein gesprochen:
Sie treffen Menschen, die sich für soziale Veränderungen aussprechen.
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Hass-Kampagne gegen Elisabeth Tuider, Juli 2014 |
Erschreckend waren und sind hier die immer noch andauernden Hass-Proteste gegen
den geplanten neuen baden-württembergischen Bildungsplan, welche es sogar bis
„auf die Straße“ geschafft haben. Die sich hier anknüpfende Diskussion über
nicht heterosexuelle Lebens- und Liebesformen und deren Ablehnung – von vielen
als Homophobie bezeichnet - ist hiervon die „bürgerliche“ Form. In diesem
Kontext hat sich beispielsweise Matthias Matussek in einem Beitrag für die WELT
selbst als homophob gelabelt und seine Verachtung gegenüber Homosexuellen zum
Ausdruck gebracht.
Im internationalen Kontext haben die Angriffe auf Anita Sarkeesian,
feministische Medienkritikerin und Videobloggerin, eine globale Diskussion zum
Thema Sexismus und Frauenhass im Netz ausgelöst. Aber auch im deutschsprachigen
Raum gibt es Misogynie und antifeministischen Hass. Erst im Juli 2014 wurde
eine Hass-Kampagne gegen Elisabeth Tuider, Professorin für Gesellschaftswissenschaften
an der Uni Kassel gestartet.
Exkurs: Maskulisnismus
Gerade bei den Kampagnen gegen Gender-Themen spielen mittlerweile die,
sogar wissenschaftlich erforschten, Maskulinist*innen- und
Neue-Rechte-Gruppierungen eine große Rolle. Sie agieren mit Hass-Reden,
Sexismus, sexualisierter Gewalt und Vergewaltigungsdrohungen – und das vor
allem online. Maskus beschäftigen sich vor allem mit pauschalem Antifeminismus,
Hass – insbesondere gegenüber Frauen, oft auch gegen so genannte. „Ausländer“,
Nationalismus und Rassismus und so genannten Männerrechten. Sie vertreten
männliche Opferideologien von angeblichen männlichen Benachteiligungen. Sie
lehnen nicht-traditionelle Männlichkeitsbilder und –rollen ab und favorisieren
biologistische und stereotype Rollenzuschreibungen. Durch ihre heteronormative
Weltsicht lehnen sie homosexuelle, Inter*- und Trans*-Menschen ab. Maskus
hängen Verschwörungstheorien an und fantasieren von der Allmacht des Feminismus
oder der „Femokratie“.
Doch kein Grund zur Panik. Der Maskulinismus befindet sich in einem frühen
Bewegungsstadium: Es gibt nur wenige Organisationen, die kaum lokale Netzwerke
unterhalten, es gibt keinen einheitlich organisierten Außenauftritt, es
existieren keine regelmäßig erscheinende Publikation. Masku-Aktivist*innen
kommen vorrangig in Internetforen zusammen und bleiben in ihrer Außenwirkung
und Mobilisierungskraft stark beschränkt. Das Internet ist der Schwerpunkt der
Aktivitäten. Die antifeministische Männerrechtsbewegung/Maskulinisten ist in
Deutschland eine relativ kleine Gruppe, trotzdem ist ihre (netz)politische
Wirkung nicht zu unterschätzen. Insbesondere der Kampagnen-Charakter von
Hass-Kampagnen zu Gender- und Vielfaltsthemen durch Mord-/Gewalt-Drohungen,
Beschimpfungen, „Hate Speech“, Veröffentlichung Klarnamen und Adressen,
Androhung der Veröffentlichung von Frauenhaus-Adressen, Shitstorms auf
Blogs/per E-Mail, Diskreditieren in der Öffentlichkeit/beim Arbeitgeber etc.
Die Strategie, die hier dahintersteckt ist: Wer laut pöbelt, fällt auf. So kann
die kleine, aber sehr laute Gruppe der Männerrechtler*innen eine Größe
vortäuschen, von der sie abseits der virtuellen Welt meilenweit entfernt ist.
Woher kommt der Hass?
Das Internet ist historisch gesehen in seiner Grundstruktur „männlich“
geprägt. Frauen und andere Gruppen mussten sich erst Online-Beteiligung
erkämpfen. Dieser „Platz“ wurde Ihnen nicht freiwillig gegeben. Ausdruck
hiervon sind auch heute noch raue Umgangsformen, aber auch sexistische Sprache
und Äußerungen. Das ist einer der Gründe, warum das Internet an vielen Stellen
gerade für Frauen abschreckend ist. Ein Beispiel ist die Objektifizierung von
Frauen, welche auch schon „offline“ ständig stattfindet, online allerdings in
noch höherem Maße. So ist das Kommentieren und Bewerten von Frauenkörpern auf
unzähligen Seiten (Hot or Not etc.) zur Normalität geworden. Aber auch
Videospiele sind beispielsweise oft extrem frauenverachtend. Verstärkend kommt
hinzu, dass sich viele im Netz „so richtig ausleben“ wollen und hierfür die
(scheinbare) Anonymität der Online-Welt nutzen.
Auf diese „Grundstrukturen“ trifft nun die Angst vieler, vor allem - aber nicht
nur - von Männern, die sich bedroht fühlen. Sie haben Angst vor Veränderungen:
Durch die angestrebte Gleichberechtigung und Teilhabe von Frauen in immer mehr
gesellschaftlichen Bereichen werden zwangsläufig Veränderungen eintreten.
Beispielsweise in Liebesbeziehungen, auf dem Arbeitsmarkt, im Sportverein, in
Parteien, im Internet et cetera. Dass diese Veränderungen keine Nachteile
bringen, wird nicht gesehen. Und so kann selbst ein nur gefühlter Einfluss- und
Machtverlust (bzw. eher die Befürchtung desselbigen) bereits zu heftigen
Gegenreaktionen führen. Folgt man dem amerikanischen Soziologen Michael Kimmel,
dann resultiert die Wut dieser Männer aus einem Gefühl der Entmännlichung.
Reaktionen auf Hass und Bedrohungen
Doch was tun? Wie kann mit dem Online-Hass umgegangen werden? Viele netzpolitisch aktive Menschen arbeiten anonym beziehungsweise mit Pseudonym, um sich so vor Hass gegen die eigene Person zu schützen. Bei straf-
und zivilrechtlich relevanten Vorkommnissen kann die Polizei eingeschaltet
werden und Anzeige erstatten werden.
Allerdings ist eine der häufigsten Reaktion bei Angriffen leider Angst und
Verunsicherung, was nicht selten in einem Zurückziehen resultiert, bis hin zum
Offline-gehen. Aktivist*innen werden so enorm eingeschränkt und eine echte
Partizipation Aller wird so verhindert.
Das Silencing, das Stumm-Machen von vor
allem Frauen und anderen gesellschaftlich diskriminierten Gruppen, ist hier
leider oft extrem wirksam. Das ist auch allzu gut nachvollziehbar: Wer
öffentlich gedemütigt und beleidigt wird, wird sich künftige Meinungsäußerungen
gut überlegen und verliert die Lust am Mitdiskutieren.
Und genau das ist die
Strategie von Hass-Kampagne: das Zurückdrängen von unliebsamen Meinungen aus
dem öffentlichen Raum und Diskurs! Alle Andersdenkenden sollen eingeschüchtert
und zum Verstummen gebracht werden. So soll der Status quo „erhalten“ werden
und an „traditionellem“ Verständnis von Geschlechterrollen, Sexualität,
Nationalität etc. festgehalten werden.
Und nun? Der Kampf gegen den Online-Hass
Für Einzelperson gibt es oft wenige Möglichkeiten, sich gegen Angriffe zu
wehren. In eindeutigen Fällen (Androhung von Straftaten) hilft sicher der
juristische Weg. Hier ist online aktiven Menschen der Abschluss einer
Rechtsschutzversicherung anzuraten, um gegen Beleidigung, Verleumdungen und
Bedrohungen vorgehen zu können.
Was überaus wirksame und auch langfristige
Veränderungen bringt, ist der Punkt der Solidarität. Beleidigungen und Angriffe
immer dokumentieren, diese dann teilen und öffentlich machen, sich austauschen.
Auch das Bilden von Bündnissen, z. B. durch Gemeinschaftsblogs, hilft hier
weiter. Öffentlichkeit für die Hass-Thematiken kann außerdem gut über
entsprechende Plattformen wir hatr.org erzeugt werden. In der Öffentlichkeit
gilt generell das Credo: aufklären und darüber sprechen! Dies kann über
Fachvorträge, Diskussionsrunden, aber auch durch Studien geschehen.
Aber der wohl wichtigste Punkt im Kampf gegen Hass ist vor allen die Moderation von Diskussionen,
vor allem der Kommentarspalten. Hier müssen klare Verhaltensregeln her!
Zum Abschluss
„Was ist denn diese Meinungsfreiheit wert, wenn in Kommentaren gegen
Menschen gehetzt wird, wenn die sich daraufhin gar nicht mehr trauen, sich zu
äußern. Welche Meinungsfreiheit wird denn dann beschnitten, wenn wir diese Art
von Kommentaren erlauben? Was ist „Freiheit statt Angst“ wert […] Was ist das
für ein Freiheitsbegriff?“
Anne Wizorek, Netzfeministin und Autorin, Oktober
2014
Hier findet ihr noch mein Interview mit dem "Entweder-Oder"-Spiel von Bayern2.